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Analyse 28. Februar 2026 · 5 min Lesezeit

16 Millionen gestohlene Gespräche: Anthropic deckt industriellen KI-Datenklau auf

Drei chinesische KI-Labore sollen über 24.000 Fake-Accounts systematisch Claudes Fähigkeiten abgesaugt haben. Anthropic nennt es den größten Destillationsangriff der KI-Geschichte — doch die Branche reagiert gespalten.

Am 23. Februar 2026 hat Anthropic schwere Vorwürfe gegen drei chinesische KI-Unternehmen erhoben: DeepSeek, Moonshot AI und MiniMax sollen systematisch und in industriellem Maßstab die Fähigkeiten von Claude abgeschöpft haben. Über 24.000 gefälschte Accounts hätten die drei Firmen insgesamt mehr als 16 Millionen Konversationen mit Claude geführt — nicht um den Chatbot zu nutzen, sondern um seine Antworten als Trainingsmaterial für die eigenen Modelle zu verwenden.

Die Methode heißt Destillation: Ein schwächeres Modell wird mit den Ausgaben eines stärkeren trainiert und übernimmt so dessen Fähigkeiten, ohne den enormen Aufwand der Eigenentwicklung. Anthropic betont in seinem Blogpost: Destillation sei an sich eine „weit verbreitete und legitime Trainingsmethode" — aber der Einsatz von Fake-Accounts zur Extraktion fremder Modell-Fähigkeiten verstoße gegen Nutzungsbedingungen und untergrabe US-Exportkontrollen.

Die drei Kampagnen im Detail

Anthropics Analyse zeigt deutlich unterschiedliche Vorgehensweisen der drei Labore:

Wie die Angreifer Zugang bekamen

Anthropic bietet Claude in China nicht kommerziell an. Die Labore umgingen diese Einschränkung über kommerzielle Proxy-Dienste — Wiederverkäufer, die Zugang zu westlichen KI-Modellen bündeln und weiterverteilen. Anthropic beschreibt diese Infrastruktur als „Hydra-Cluster": Netzwerke aus Tausenden gefälschter Accounts, die den Traffic über verschiedene API-Zugänge und Cloud-Plattformen verteilen. Wird ein Account gesperrt, springt sofort der nächste ein. In einem Fall verwaltete ein einzelnes Proxy-Netzwerk über 20.000 Accounts gleichzeitig und mischte den Destillations-Traffic mit regulären Kundenanfragen, um die Erkennung zu erschweren.

Die Ironie der Anklage

Waage der Gerechtigkeit mit KI-Chip und Büchern — symbolisch für die Doppelmoral im KI-Urheberrechtsstreit
Wer darf von wem lernen? Die Grenze zwischen legitimer Forschung und Datenklau ist in der KI-Branche umstritten — auf beiden Seiten des Pazifiks.

Die Reaktion der Tech-Community fiel durchaus zwiespältig aus. Wie Fortune berichtet, verwiesen Kommentatoren schnell darauf, dass Anthropic selbst im September 2025 eine Urheberrechtsklage von Tausenden Autoren für 1,5 Milliarden Dollar beigelegt hatte — weil das Unternehmen Bücher aus Schattenbibliotheken heruntergeladen hatte, um Claude zu trainieren. „How the turn tables", schrieb ein Reddit-Nutzer in Anspielung auf die US-Serie „The Office".

Der Punkt ist nicht trivial: Die großen US-KI-Labore haben ihre Modelle selbst auf enormen Mengen urheberrechtlich geschützter Inhalte trainiert und verteidigen das unter dem Banner von „Fair Use". Dass sie jetzt Alarm schlagen, wenn andere Firmen ihre Modell-Outputs als Trainingsmaterial verwenden, wirkt auf viele Beobachter widersprüchlich.

Warum es trotzdem wichtig ist

Unabhängig von der Ironie hat der Fall reale Konsequenzen für Unternehmen. Anthropic argumentiert, dass destillierte Modelle die Sicherheitsvorkehrungen des Originals nicht übernehmen: Schutzmechanismen gegen den Missbrauch für Biowaffen-Entwicklung, Cyberangriffe oder Desinformation würden beim Kopieren schlicht entfernt. Wenn solche Modelle dann als Open Source veröffentlicht werden — wie es bei chinesischen Laboren häufig der Fall ist — verbreiten sich diese ungeschützten Fähigkeiten unkontrolliert.

Für Unternehmen, die KI-APIs nutzen, hat die Enthüllung auch praktische Folgen. TechCrunch berichtet, dass Anthropic verstärkt in Abwehrmaßnahmen investiert: Verhaltensanalysen, verschärftes Rate-Limiting und aggressivere Durchsetzung der Nutzungsbedingungen. Wer als Unternehmen hochvolumige API-Pipelines betreibt, sollte sicherstellen, dass die eigenen Nutzungsmuster nicht versehentlich wie Destillation aussehen.

Die geopolitische Dimension

Anthropics Timing ist kein Zufall. Die Anschuldigungen kommen mitten in der US-Debatte um Chip-Exportkontrollen nach China. Die Trump-Regierung hat US-Firmen wie Nvidia kürzlich erlaubt, fortschrittliche KI-Chips (etwa den H200) nach China zu exportieren. Anthropic argumentiert, dass die scheinbar rasanten Fortschritte chinesischer KI-Labore teilweise auf gestohlenen westlichen Fähigkeiten beruhen — und dass Exportkontrollen deshalb verschärft statt gelockert werden sollten.

Dmitri Alperovitch, Mitgründer von CrowdStrike und Chairman des Silverado Policy Accelerator, bestätigt gegenüber TechCrunch: „Es war schon länger klar, dass ein Teil der schnellen Fortschritte chinesischer KI-Modelle auf dem Diebstahl durch Destillation von US-Frontier-Modellen basiert. Jetzt wissen wir es als Fakt."

Einordnung für Entscheider

Der Fall zeigt drei Dinge:

Quellen

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