Am 23. Februar 2026 hat Anthropic schwere Vorwürfe gegen drei chinesische KI-Unternehmen erhoben: DeepSeek, Moonshot AI und MiniMax sollen systematisch und in industriellem Maßstab die Fähigkeiten von Claude abgeschöpft haben. Über 24.000 gefälschte Accounts hätten die drei Firmen insgesamt mehr als 16 Millionen Konversationen mit Claude geführt — nicht um den Chatbot zu nutzen, sondern um seine Antworten als Trainingsmaterial für die eigenen Modelle zu verwenden.
Die Methode heißt Destillation: Ein schwächeres Modell wird mit den Ausgaben eines stärkeren trainiert und übernimmt so dessen Fähigkeiten, ohne den enormen Aufwand der Eigenentwicklung. Anthropic betont in seinem Blogpost: Destillation sei an sich eine „weit verbreitete und legitime Trainingsmethode" — aber der Einsatz von Fake-Accounts zur Extraktion fremder Modell-Fähigkeiten verstoße gegen Nutzungsbedingungen und untergrabe US-Exportkontrollen.
Die drei Kampagnen im Detail
Anthropics Analyse zeigt deutlich unterschiedliche Vorgehensweisen der drei Labore:
- DeepSeek (über 150.000 Konversationen): Zielte auf Reasoning-Fähigkeiten und — besonders pikant — auf die Generierung zensurkompatibler Antworten auf politisch sensible Themen. Claude wurde dafür eingesetzt, Formulierungen zu entwickeln, die Fragen zu Dissidenten oder Autoritarismus elegant umlenken. Anthropic konnte die Accounts konkreten Forschern bei DeepSeek zuordnen.
- Moonshot AI (über 3,4 Millionen Konversationen): Fokussierte sich auf agentenbasiertes Arbeiten — also die Fähigkeit, eigenständig Werkzeuge zu nutzen, Code zu schreiben und komplexe Aufgabenketten abzuarbeiten. Kurz nach der Kampagne veröffentlichte Moonshot sein Open-Source-Modell Kimi K2.5 mit genau diesen Fähigkeiten.
- MiniMax (über 13 Millionen Konversationen — der Löwenanteil): Extrahierte Fähigkeiten im Bereich Coding und Tool-Nutzung. Anthropic beobachtete die Kampagne noch während sie lief und stellte fest, dass MiniMax innerhalb von 24 Stunden nach einem Claude-Update fast die Hälfte seines Traffics auf das neue Modell umlenkte.
Wie die Angreifer Zugang bekamen
Anthropic bietet Claude in China nicht kommerziell an. Die Labore umgingen diese Einschränkung über kommerzielle Proxy-Dienste — Wiederverkäufer, die Zugang zu westlichen KI-Modellen bündeln und weiterverteilen. Anthropic beschreibt diese Infrastruktur als „Hydra-Cluster": Netzwerke aus Tausenden gefälschter Accounts, die den Traffic über verschiedene API-Zugänge und Cloud-Plattformen verteilen. Wird ein Account gesperrt, springt sofort der nächste ein. In einem Fall verwaltete ein einzelnes Proxy-Netzwerk über 20.000 Accounts gleichzeitig und mischte den Destillations-Traffic mit regulären Kundenanfragen, um die Erkennung zu erschweren.
Die Ironie der Anklage
Die Reaktion der Tech-Community fiel durchaus zwiespältig aus. Wie Fortune berichtet, verwiesen Kommentatoren schnell darauf, dass Anthropic selbst im September 2025 eine Urheberrechtsklage von Tausenden Autoren für 1,5 Milliarden Dollar beigelegt hatte — weil das Unternehmen Bücher aus Schattenbibliotheken heruntergeladen hatte, um Claude zu trainieren. „How the turn tables", schrieb ein Reddit-Nutzer in Anspielung auf die US-Serie „The Office".
Der Punkt ist nicht trivial: Die großen US-KI-Labore haben ihre Modelle selbst auf enormen Mengen urheberrechtlich geschützter Inhalte trainiert und verteidigen das unter dem Banner von „Fair Use". Dass sie jetzt Alarm schlagen, wenn andere Firmen ihre Modell-Outputs als Trainingsmaterial verwenden, wirkt auf viele Beobachter widersprüchlich.
Warum es trotzdem wichtig ist
Unabhängig von der Ironie hat der Fall reale Konsequenzen für Unternehmen. Anthropic argumentiert, dass destillierte Modelle die Sicherheitsvorkehrungen des Originals nicht übernehmen: Schutzmechanismen gegen den Missbrauch für Biowaffen-Entwicklung, Cyberangriffe oder Desinformation würden beim Kopieren schlicht entfernt. Wenn solche Modelle dann als Open Source veröffentlicht werden — wie es bei chinesischen Laboren häufig der Fall ist — verbreiten sich diese ungeschützten Fähigkeiten unkontrolliert.
Für Unternehmen, die KI-APIs nutzen, hat die Enthüllung auch praktische Folgen. TechCrunch berichtet, dass Anthropic verstärkt in Abwehrmaßnahmen investiert: Verhaltensanalysen, verschärftes Rate-Limiting und aggressivere Durchsetzung der Nutzungsbedingungen. Wer als Unternehmen hochvolumige API-Pipelines betreibt, sollte sicherstellen, dass die eigenen Nutzungsmuster nicht versehentlich wie Destillation aussehen.
Die geopolitische Dimension
Anthropics Timing ist kein Zufall. Die Anschuldigungen kommen mitten in der US-Debatte um Chip-Exportkontrollen nach China. Die Trump-Regierung hat US-Firmen wie Nvidia kürzlich erlaubt, fortschrittliche KI-Chips (etwa den H200) nach China zu exportieren. Anthropic argumentiert, dass die scheinbar rasanten Fortschritte chinesischer KI-Labore teilweise auf gestohlenen westlichen Fähigkeiten beruhen — und dass Exportkontrollen deshalb verschärft statt gelockert werden sollten.
Dmitri Alperovitch, Mitgründer von CrowdStrike und Chairman des Silverado Policy Accelerator, bestätigt gegenüber TechCrunch: „Es war schon länger klar, dass ein Teil der schnellen Fortschritte chinesischer KI-Modelle auf dem Diebstahl durch Destillation von US-Frontier-Modellen basiert. Jetzt wissen wir es als Fakt."
Einordnung für Entscheider
Der Fall zeigt drei Dinge:
- API-Sicherheit wird zum strategischen Thema. Wer ein leistungsfähiges Modell betreibt, muss damit rechnen, dass es systematisch ausgelesen wird. Nicht nur durch Konkurrenten, sondern potenziell durch staatliche Akteure.
- Die Grenzen zwischen Nutzung und Missbrauch verschwimmen. Destillation ist technisch dasselbe wie normales API-Nutzen — nur in anderem Umfang und mit anderer Absicht. Die rechtliche Einordnung ist weltweit ungeklärt.
- Der KI-Wettlauf hat eine neue Front. Es geht nicht mehr nur um Rechenleistung und Trainingsdaten. Die Fähigkeit, die Outputs von Konkurrenzmodellen zu nutzen, wird zum eigenständigen Wettbewerbsfaktor — und zum geopolitischen Streitpunkt.
Quellen
- Anthropic Blog — Originaler Blogpost: „Detecting and Preventing Distillation Attacks"
- TechCrunch — Anthropic accuses Chinese AI labs of mining Claude
- Fortune — Anthropic claims 3 Chinese companies ripped it off
- Perficient Blog — Anthropic Accuses DeepSeek of Distillation Attacks on Claude