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Analyse 10. März 2026 · 5 min Lesezeit

Nvidia zieht sich zurück: Warum der Chipriese seine KI-Labore loslässt

30 Milliarden in OpenAI, 10 Milliarden in Anthropic — und dann Schluss. Nvidia-Chef Jensen Huang erklärt die Deals für beendet. Die offizielle Begründung: bevorstehende Börsengänge. Die tatsächlichen Gründe dürften komplizierter sein.

Es war eine der größten Investmentstorys der KI-Branche: Im September 2025 kündigte Nvidia an, bis zu 100 Milliarden Dollar in OpenAI zu investieren. Vergangene Woche, auf der Morgan-Stanley-Konferenz in San Francisco, klang das dann ganz anders. 30 Milliarden Dollar hat Nvidia tatsächlich in OpenAI investiert — und CEO Jensen Huang sagte dazu: „Das könnte das letzte Mal sein, dass wir die Gelegenheit haben, in ein so bedeutendes Unternehmen zu investieren.“

Auch die 10-Milliarden-Dollar-Beteiligung an Anthropic, die Nvidia im November gemeinsam mit Microsoft eingegangen war, sei „wahrscheinlich ebenfalls die letzte“, so Huang. Beide KI-Unternehmen planen Börsengänge — der formale Grund, warum Nvidia sich als Investor verabschiedet. Aber wer genauer hinsieht, erkennt ein vielschichtigeres Bild.

Das Kreislauf-Problem: Wenn der Lieferant sein eigener Kunde wird

Ein zentrales Unbehagen der Finanzwelt lässt sich in einem Satz zusammenfassen: Nvidia investiert in Unternehmen, die das investierte Geld wieder für Nvidia-Chips ausgeben. Der MIT-Wirtschaftsprofessor Michael Cusumano brachte es gegenüber der Financial Times auf den Punkt: „Das ist im Grunde ein Nullsummenspiel — Nvidia investiert 100 Milliarden in OpenAI-Aktien, und OpenAI sagt, sie werden 100 Milliarden oder mehr für Nvidia-Chips ausgeben.“

Symbolbild: Die KI-Investmentblase und das Ende einer Ära der Überkreuz-Deals
Wenn Chipverkäufer und Chipkäufer gleichzeitig Investor und Beteiligung sind, verschwimmen die Grenzen — und die Sorge vor einer Bewertungsblase wächst.

Diese sogenannten Überkreuz-Geschäfte (Circular Deals) funktionieren so: Der Chiphersteller steckt Geld in ein KI-Labor. Das KI-Labor kauft davon Rechenleistung — beim selben Chiphersteller. Das Ergebnis: Beide Seiten können beeindruckende Umsatz- und Bewertungszahlen vorweisen. Aber der echte Wertschöpfungskreislauf ist fraglich. Die Wall Street Journal stellte bereits die Frage, ob solche Deals „eine Win-Win-Situation oder ein Zeichen einer Blase“ seien.

Dass Nvidias ursprüngliches 100-Milliarden-Versprechen auf 30 Milliarden zusammenschrumpfte, könnte ein Zeichen dafür sein, dass auch intern die Zweifel gewachsen sind. Huang selbst wies Berichte über interne Spannungen bei Nvidia als „Unsinn“ zurück. Aber die Zahlen sprechen ihre eigene Sprache.

Der politische Faktor: Zwischen Pentagon und Davos

Nvidias Verhältnis zu Anthropic hat sich in den vergangenen Monaten deutlich abgekühlt — und das nicht nur aus finanziellen Gründen. Nur zwei Monate nach der Investmentankündigung verglich Anthropic-Chef Dario Amodei auf dem Weltwirtschaftsforum in Davos den Verkauf von leistungsstarken KI-Chips an bestimmte Käufer mit dem „Verkauf von Atomwaffen an Nordkorea“ — ohne Nvidia namentlich zu nennen, aber die Botschaft war unmissverständlich.

Wenige Wochen später setzte die Trump-Regierung Anthropic auf eine Sperrliste für Bundesbehörden und Militärlieferanten, nachdem das Unternehmen sich geweigert hatte, seine KI-Modelle für autonome Waffensysteme oder Massenüberwachung freizugeben. Fast gleichzeitig verkündete OpenAI einen eigenen Deal mit dem Pentagon. Nvidia hält jetzt also Anteile an zwei Unternehmen, die in grundlegend verschiedene Richtungen steuern — politisch, ethisch und geschäftlich.

Was die Zahlen verraten: OpenAIs 110-Milliarden-Runde

OpenAIs jüngste Finanzierungsrunde ist die größte in der Geschichte der Technologiebranche: 110 Milliarden Dollar bei einer Vorab-Bewertung von 730 Milliarden. Die Investoren laut OpenAI-Blogpost: 30 Milliarden von SoftBank, 30 Milliarden von Nvidia und 50 Milliarden von Amazon. Dazu kommt eine strategische Partnerschaft mit Amazon und der Ausbau der Rechenleistung mit Nvidia-Systemen der neuesten Generation.

OpenAI meldet inzwischen über 900 Millionen wöchentlich aktive Nutzer und mehr als 9 Millionen zahlende Geschäftskunden. Der Börsengang, der laut Berichten im vierten Quartal 2026 stattfinden soll, wäre einer der größten aller Zeiten. „Big Short“-Investor Michael Burry kommentierte die Dynamik auf Substack so: „Es ist, als hätte jemand einen Prototyp-Roboter gebaut, und jedes Unternehmen der Welt fängt an, in eine Roboter-Zukunft zu investieren.“

Die strategische Frage: Chip-Abhängigkeit vs. Chip-Vielfalt

Hinter Nvidias Rückzug zeichnet sich ein größerer Branchentrend ab. Bisher dominiert Nvidia den Markt für KI-Rechenleistung — also die spezialisierten Prozessoren, auf denen KI-Modelle trainiert und betrieben werden — mit einem geschätzten Anteil von über 90 Prozent. Doch die KI-Labore beginnen, sich von dieser Abhängigkeit zu lösen.

Anthropic setzt auf eine Mehrfachstrategie: Das Unternehmen nutzt gleichzeitig Googles speziell entwickelte KI-Chips (TPUs), Amazons hauseigene Trainium-Prozessoren und Nvidia-Hardware. Im Oktober 2025 sicherte sich Anthropic Zugang zu bis zu einer Million Google-TPUs — das entspricht über einem Gigawatt Rechenleistung, die 2026 ans Netz geht. Amazons „Project Rainier“, ein 11-Milliarden-Dollar-Rechenzentrum in Indiana, läuft bereits auf Trainium-2-Chips und liefert Anthropic Rechenleistung zu geschätzt halb so hohen Kosten wie vergleichbare Nvidia-Systeme.

OpenAI dagegen bleibt fast vollständig von Nvidia abhängig. Das Unternehmen hat zwar mit Broadcom eine eigene Chip-Partnerschaft angekündigt — aber erste Ergebnisse werden frühestens 2027 erwartet. Im Klartext: Wer heute günstigere Rechenleistung braucht, um KI-Antworten schneller und billiger zu berechnen, hat bei Anthropic strukturell bessere Karten als bei OpenAI.

Was das für Unternehmen bedeutet

Für Führungskräfte, die KI-Entscheidungen treffen müssen, sendet Nvidias Rückzug drei Signale:

Nvidia wird weiterhin Milliarden mit dem Verkauf von KI-Chips verdienen — das Unternehmen ist und bleibt der wichtigste Hardware-Lieferant der Branche. Aber die Rolle des Investors und strategischen Partners ist offenbar ausgereizt. Jensen Huang sagte es selbst: „Die Umsätze werden mehr als folgen.“ Die Botschaft: Nvidia braucht keine Beteiligungen mehr, um zu profitieren. Die Kunden kommen von selbst.

Quellen

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